Laute Erinnerungen: The Afghan Whigs in Köln

Das Luxor ist ausverkauft, die Luft wird schnell dünn – und man fragt sich: Was hat die Afghan Whigs bei ihrem Tourstopp in Köln in diesen engen Laden gezogen? Sänger Greg Dulli nennt im Laufe der Show einen Grund: Es sind gute Erinnerungen. Erinnerungen an Luxor-Shows in jüngerer Vergangenheit, aber auch an Begebenheiten, die viele Jahre zurückliegen und sich im Rose Club abspielten, der sich damals direkt gegenüber an der Luxemburger Straße befunden hat. Anfang der 90er, The Afghan Whigs waren noch eine junge Band aus Cincinnati, Ohio. Das zweite Album “Up In It” entwickelte sich zu einer Lieblingsplatte der damals noch jungen Grunge- und Alternative-Rock-Szene. Die Show im Rose Club 1990 eine der ersten in Europa, The Afghan Whigs spielten damals eine 14-Minuten-Version des Blues-Punk-Stücks “Son Of The South”. Neben Greg Dulli war von der heutigen Besetzung auch schon Bassist John Curley dabei. Bei den Erinnerungen seines Chefs über diverse Drinks, die damals geflossen sind, muss er grinsen. Die gute, alte Zeit.
“Heute wird’s nicht ganz so lang”, sagt Dulli, als die Gruppe das Stück anspielt. Am Ende dehnt die Band “Son Of The South” auf knapp zehn Minuten. Die Afghan Whigs platzieren es im letzten Teil der Show, als längst ein zweiter Grund offensichtlich geworden ist, warum die Band so gerne im Luxor spielt: Unter den vielen Kölner Clubs gilt dieser wegen der niedrigen Decke und der schlauchigen Form als derjenige, an dem es richtig laut werden kann. Und das ist den Afghan Whigs sehr wichtig.
Bei den meisten Stücken sind drei Gitarristen im Einsatz. Keiner von ihnen spielt nur ruhige Verzierungen, alle machen Druck. Vor allem die Kickdrum nimmt es damit auf, und Curley will sich auch nicht hinten anstellen. Beim ersten Song “Parked Outside” wirkt die Wucht noch etwas diffus, schon ab dem zweiten Stück “I’m Her Slave” steht der Sound: laut, kein Klangbrocken, sondern dynamisch und differenziert. Daher hat Greg Dulli auch kein Problem, sich stimmlich zu behaupten: 61 Jahre alt ist er im Mai geworden, noch immer gibt es im Alternative Rock kaum einen zweiten Sänger, der so wuchtig singt, ohne auch nur ansatzweise ins Schreien zu verfallen.
The Afghan Whigs sind eine tolle Alternative-Rock-Band, richtig groß sind sie, wenn sie Soul an ihre Songs lassen. Das gelingt ihnen auf Platte erstmals 1993 mit dem Album “Gentlemen”, einer der besten Platten der Ära. Drei Lieder davon gibt’s zu hören, neben dem Titelstück noch das sinistre “What Jail Is Like” sowie kurz vor Schluss den Hit “Fountain And Fairfax”. Von der souligsten Platte “1965” hat Dulli mit “66” und “The Slide Song” nur zwei Tracks ausgewählt, aber das macht nichts, denn die vier Alben, die diese Band nach ihrer Reunion ab Anfang der 2010er veröffentlicht hat, atmen den Geist der frühen Platten. Bei nur minimalem Qualitätsabfall.
22 Songs gibt es, ausgewählt aus neun ihrer zehn Alben. Nur das Debüt “Big Top Halloween” von 1988 wird nicht berücksichtigt, die Band hatte sich noch nicht richtig gefunden, als sie es damals auf eigene Faust veröffentlichte. Am Ende folgt auf den Mini-Hit “Summer’s Kiss” vom 96er Album “Black Love” ein großes Finale: erst der neue Tränenzieher “Into The Floor”, dann eine Art Bar-Jazz-Rock-Version des Klassikers “Miles Iz Ded”, 1992 erst eine Single-B-Seite, dann ein Hidden-Track auf der CD-Version des zweiten Albums “Congregation”, erschienen bei Sub Pop. Diese Hymne als Lead-Single – und wer weiß, was damals kommerziell möglich gewesen wäre? Eine Show im engen Luxor wahrscheinlich nicht mehr. Derart wohl, wie sich Dulli und seine Band hier fühlen, darf man behaupten: Alles richtig gemacht.
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