Psychologen nennen es den "Luzifer-Effekt": Netflix legt das umstrittene Stanford-Prison-Experiment als Reality-Doku neu auf

Das 1971 durchgeführte Stanford-Prison-Experiment dürfte vielen vor allem durch den grandiosen deutschen Thriller Das Experiment aus dem Jahr 2001 ein Begriff sein, der auf den Ereignissen von damals basiert. Später folgten zudem mit dessen US-Remake The Experiment und dem mehr den tatsächlichen Ablauf nachzeichnenden The Stanford Prison Experiment zwei weitere Verfilmungen.
Demnächst werden aber noch mehr Menschen von dem kontroversen und fehlgeschlagenen Verhaltensexperiment erfahren, denn Netflix hat diesen Versuch für eine neue Reality-Dokuserie unter angepassten Bedingungen nachgestellt. Unter dem Titel Das neue Stanford-Prison-Experiment wird diese bereits in wenigen Wochen bei dem Streaming-Dienst erscheinen.
So verlief das echte Stanford-Prison-Experiment 1971
Vor 55 Jahren verwandelte der Psychologe Philip Zimbardo einen Keller der kalifornischen Stanford University in ein improvisiertes Gefängnis. 24 Studenten wurden per Zufall in "Gefangene" und "Wärter" eingeteilt. Während die Gefangenen inhaftiert und ihrer persönlichen Identität weitgehend beraubt wurden, sollten die Wärter für Ordnung sorgen.
Doch innerhalb weniger Tage eskalierte die Situation zunehmend: Einige Wärter verhielten sich entwürdigend und autoritär, während Gefangene mit starkem psychischem Stress reagierten. Zimbardo hatte das Experiment ursprünglich für zwei Wochen geplant, brach es aufgrund der verheerenden Vorfälle jedoch nach sechs Tagen ab.
Das Stanford-Prison-Experiment gilt gemeinhin als äußerst umstritten, weil Forschende Zweifel an seiner wissenschaftlichen Durchführung und Aussagekraft geäußert haben. Kritisiert werden unter anderem die starke Einflussnahme der Versuchsleitung sowie Berichte, wonach Wärter zu demütigendem Verhalten angewiesen wurden. Dadurch sind die ursprünglichen Schlussfolgerungen, dass Menschen allein aufgrund einer zugewiesenen Rolle entsprechendes Verhalten zeigen, nur eingeschränkt verallgemeinerbar.
Der damalige Versuchsleiter Zimbardo nahm das Experiment aber zum Anlass für weitere Nachforschungen und entwickelte daraus die psychologische These des sogenannten "Luzifer-Effekts".
Was ist der psychologische "Luzifer-Effekt"?
Wie Deutschlandfunk Kultur zusammenfasst, beschrieb Zimbardo mit dem "Luzifer-Effekt" die Idee, dass gewöhnliche Menschen unter bestimmten Umständen zu grausamem oder unmenschlichem Verhalten gebracht werden können. Entscheidend sind dabei weniger vermeintlich "böse" Persönlichkeiten als vielmehr soziale und situative Faktoren: Bedrohung, Gruppendruck, eine übergeordnete Autorität und Anonymität können Gewalt und Machtmissbrauch begünstigen.
Werden Täter als Teil einer Gruppe bestätigt und Opfer ihrer Individualität beraubt, können Hemmschwellen weiter sinken. Zimbardo erkannte diesen Effekt nicht nur bei seinem eigenen Stanford-Prison-Experiment, sondern beispielsweise auch bei den Misshandlungen im Gefängnis Abu Ghraib Anfang der 2000er . Zugleich betonte der Psychologe, dass Menschen trotz des Einflusses solcher Situationen eine individuelle Verantwortung behalten. Sein Ansatz fragt deshalb nicht nur, warum Menschen sich an schädliche Dynamiken anpassen, sondern auch, wie sie ihnen widerstehen können.
- Auch interessant: Laut Psychologe lernen wir in einem der erfolgreichsten Filme aller Zeiten, wie Panikattacken funktionieren
Psychologische Studie als Reality-Doku: Bei Netflix startet bald das neue Stanford-Prison-Experiment
Netflix "erforscht" diesen Ansatz in der kommenden Reality-Dokuserie Das neue Stanford-Prison-Experiment weiter und stellt darin die zentrale Frage: Verführt Macht zum Missbrauch? Gemäß dem Originalexperiment wurden für die Show 30 Teilnehmer für zwei Wochen in ein echtes Gefängnis "gesperrt" und zufällig den Rollen von Gefangenen oder Wärtern zugeteilt.
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Anders als 1971 ist das Experiment mit umfangreichen Sicherheitsvorkehrungen und psychologischer Begleitung verbunden: Die Probanden wurden vorab psychologisch untersucht, können jederzeit über ein Sicherheitswort aussteigen und werden rund um die Uhr von Psycholog:innen überwacht.
Die Serie von Emmy-Gewinnerin Jane Lipsitz (Top Chef) dokumentiert, wie sich die Machtverhältnisse entwickeln und untersucht dabei Fragen nach Autorität, Gruppendruck, Moral und individueller Identität. Im Mittelpunkt steht die Frage, ob Menschen ihren persönlichen Werten treu bleiben, wenn sie in ein System mit klar verteilten Machtrollen geraten.
Das neue Stanford-Prison-Experiment startet am 21. Oktober 2026 bei Netflix und umfasst sechs Episoden.
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