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Rock / Heavy Metal 22.09.2026

Unendliche Weiten: Muse und "The Wow! Signal"

Was Muse hier präsentieren, ist einerseits mal wieder glorreicher Unfug. Es gibt Promofotos, auf denen sich die Band in eine extraterrestrische Eiswüsten-Landschaft platzieren lässt, wobei das Bild aussieht, als habe die legendäre Jan Böhmermann-Figur des „Photoshop Philipp“ seine Hände im Spiel gehabt. Kaum beginnt das neue Album, sieht man sich mit einem Chor aus der Unterwelt konfrontiert, der auf lateinischer Sprache und mit apokalyptischer Verve „Sanctus“, „Dominus“ und „Lucifer“ anruft, als gelte es, die B-Movie-Verfilmung eines Verschwörungsthrillers von Dan Brown zu vertonen.

Schon interessant, dass Muse jegliche Scham verloren haben und den Leuten direkt einen auf die Zwölf zu geben. „Ist der Ruf erst ruiniert…“, könnte man denken, auch mit Blick auf die Alben der Band, die seit “The Resistance” von 2009 einen bedenklichen Trend beschreiben: Muse entfernten sich immer weiter von der alten Wucht, es wurde nicht nur immer theoretischer, sondern pessimistischer. Bereits 2015 widmete die Band ein Album den Drohnen als Kriegswaffe der neuen Zeit. Alles, was aktuell im russischen Angriffskrieg gegen die Ukraine passiert, gibt der Band recht. Auch die Alben über Simulationen und KI-Parallelwelten sowie eine Art Sci-Fi-Sozialismus waren von teilweise interessanten Gedanken durchdrungen – wenn nur die Musik nicht so bemüht geklungen hätte. Bei den gigantischen Shows funktionierte diese Prog-Rock-Revuemusik teilweise noch, aber die Alben waren zuletzt mau. “Simulation Theory” klang 2018 wie der Versuch, schlechten 80s-Pop mit den Stilmitteln einer Alternative-Rock-Band zu retten. “Will Of The People” wirkte, also wollte die Band zu ihren Wurzeln zurückkehren, ohne sich vorab Gedanken darüber zu machen, dass man dafür auch ein paar taugliche Songs braucht.

Nun also seltsame Fotos, lateinische Chöre und ein Album, das sich dem Wow!-Signal widmet, einem 1977 aus dem Weltall empfangenen Signal, das lange als ernsthafter Kandidat einer Botschaft von Außer­irdischen aus dem All galt. Kann das gutgehen? Kurze Antwort: ja. Lange Antwort: Muse haben die richtigen Schlüsse aus der paradoxen Situation gezogen, dass die Band die Vorkommnisse und Entwicklungen auf der Erde sehr früh diagnostiziert hatte, dabei aber an Relevanz verlor. Was vielleicht damit zu hat, dass die Hörer*innen von Muse keine Aufsätze über die gesellschaftlichen, technischen und politischen Gefahren und Bedrohungen wollen, sondern großartige Weltfluchtmomente.

Radiohead, die alten Konkurrenten der ersten Jahre, haben das begriffen und entwickeln eine diffuse Kunst-Musik, in die man alles und nichts hineindeuten kann. Muse sollten weiterhin unbedingt vermeiden, wie Radiohead sein zu wollen, das hat schon früher nicht geklappt. Es war aber eine gute Idee, für das neue Album den Schauplatz Erde zu verlassen und sich thematisch ins Extraterrestrische zu retten. Waren Muse zuletzt eine Band, die weltliche Science-Fiction-Musik spielte, ist das Trio nun per Anhalter durch die Galaxis gereist, letzter Stopp: Das Restaurant am Ende des Universums, um dort aus dem Fenster schauen und den Weltraummüll zu beobachten; “Space Debris” heißt der letzte Song der Platte. Dass wir Menschen es sind, die das All zumüllen, nachdem wir das schon mit der Erde und den Meeren gemacht haben – geschenkt, ein wenig Realismus muss schon sein.

Musikalisch klingt “The Wow! Signal” stellenweise wie ein Daft-Punk-Remix des 2006er-Werk “Black Holes And Revelations”, damals das vierte und bis heute das letzte Muse-Album, das wirklich von vorne bis hinten eine Wucht war. “The Wow! Signal” ist nicht ganz so stark. Aber doch nahe dran. Was auch daran liegt, dass Muse und ihr Songwriter Matt Bellamy sich nicht scheuen, die Annahme zu treffen, dass eine Musik über Auße­rirdische auch außerirdisch groß klingen müsse. Entsprechend bollert und ballert es, Gastsängerin Ellie Goulding sorgt für eine Modern-Pop-Anbindung, Songs über Kryotechnik – also das Einfrieren von Menschen, um sie Jahre später wieder ohne Alterseffekt aufzuwecken – und Einflüsse der Science-Fiction-Trilogie “Trisolaris” des chinesischen Autors Liu Cixin (2024 auch als Netflix-Serie umgesetzt) sorgen dafür, dass man neben der Musik auch über genügend Inspiration für Sekundärliteratur erhält. In Cixins Roman geht es um nichts weniger als die schicksalhaften Ereignisse rund um Maos Kulturrevolution, die Wissenschaft als treibender Erkenntniskraft, den Kontakt zu Außerirdischen und den damit einhergehenden philosophischen Fragen. Barack Obama ist erklärter Fan der Bücher. Muse befinden sich also in guter und erdverbundener Gesellschaft.

Das Wow!-Signal

Als der Astronom Jerry R. Ehman 1977 aus Ohio mit seinem Radioteleskop ein klares, rätselhaftes Signal aus dem All empfing, dachte er sich: „Wow!“ Und schon hatte es seinen Namen. Weil es viele Jahre keine wissenschaftliche Erklärung gab, die offensichtlich war, galt es als bester Kandidat für das Signal einer außerirdischen Zivili­sation. 47 Jahre später fanden Forscher einen Ursprung, der wahrscheinlich, wenn auch nicht sicher zu sein scheint: ein durch starke Strahlung ausgelöstes Aufleuchten einer Wasserstoffwolke. Ein seltenes Phänomen, das 1977 noch unbekannt war.

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