The Social Reckoning enthüllt das Facebook-Grauen, aber kann der Film mit David Finchers Meisterwerk mithalten?

"Im Internet schreibt keiner mit Bleistift, sondern mit Tinte", lautete der prägendste Satz des Films, der wie kaum ein anderer unseren Zeitgeist verdichtet. The Social Network eroberte 2010 als pulsierende Momentaufnahme die Leinwand und avancierte in den Jahren danach zum Meisterwerk mit prophetischer Weitsicht, während die Wechselwirkung zwischen Online- und Offline-Leben immer komplexer wurde.
Bei Facebook geht es längst nicht mehr um den Beziehungsstatus. Das soziale Netzwerk hat sich in eines der mächtigsten politischen Werkzeuge verwandelt und die virtuelle Tinte tropft in beängstigendem Maße in die echte Welt. Dieser drastische Wandel beschäftigt Aaron Sorkin schon eine ganze Weile. Mit The Social Reckoning sortiert er seine Gedanken dazu in Form eines packenden Journalismus-Thrillers.
Sorkin tauscht das Wall Street Journal gegen Facebook
Beinahe hätte er den Weg nicht gefunden, weil er weder sein Navi noch Google Maps bedienen kann. Jetzt sitzt er in den Räumen des Wall Street Journal und hofft auf die womöglich letzte ausgeschriebene Stelle des Printjournalismus: Jeff Horwitz (Jeremy Allen White) will über Facebook schreiben, obwohl er von Big Tech keine Ahnung hat. Genau genommen weiß er nicht einmal, wie man sich bei Facebook einloggt.
Dennoch schaut Horwitz mit besorgtem Blick von Washington nach Silicon Valley, wo er hinter verschlossenen Türen die größte Demokratiegefährdung des 21. Jahrhunderts befürchtet. Zensur, Falschinformationen und Hetze – nach kurzer Recherche liegt auf der Hand, dass in Mark Zuckerbergs (Jeremy Strong) Unternehmen nicht alles so transparent läuft, wie es die riesigen Glasfenster in Menlo Park suggerieren.
Das kühle, auf maximale Effizienz optimierte Facebook von The Social Reckoning gleicht einem Kult mit eingeschworener Gefolgschaft. Zu diesem gehört auch die idealistische Frances Haugen (Mikey Madison), die als Teil des Civic Integrity Teams eigentlich dafür verantwortlich ist, dass Hate Speech auf der Plattform keinen Platz hat und Wahlen ohne gezielte Manipulation durch Desinformation über die Bühne gehen.
Haugen ist fest von Facebooks gemeinschaftsstiftendem Charakter überzeugt. Als sie eine toxische Entwicklung auf der Plattform ausmacht, finden ihre warnenden Worte allerdings kein Gehör. Daraufhin wendet sie sich an Horwitz und findet sich plötzlich in der Rolle einer Whistleblowerin, die ihre gesamte Existenz aufs Spiel setzt, um die Wahrheit über die fragwürdigen Praktiken von Facebook ans Licht zu bringen.
Von den Facebook Files bis zum Sturm auf das Kapitol
Als Grundlage der Geschichte dient Aaron Sorkin die Recherche und Veröffentlichung der Facebook Files, einer Artikelreihe, die von September bis Oktober 2021 im Wall Street Journal erschienen ist. Dramaturgisch versteht Sorkin The Social Reckoning zudem als Countdown zum Sturm auf das Kapitol im Januar 2021, bei dessen Mobilisierung und Koordination soziale Netzwerke wie Facebook eine zentrale Rolle spielten.
Die Handlung springt über verschiedene Zeitebenen, die sich auf die Jahre 2019 bis 2021 konzentrieren. Mitunter fühlt sich The Social Reckoning an, als würde Sorkin vor unseren Augen rote Fäden auf einer Pinnwand mit unzähligen Karteikarten verknüpfen. Zuerst erschlagen einen die Informationen, ehe der Film seinen Rhythmus findet und Stück für Stück ein verstörendes, vielschichtiges Mosaik enthüllt.
Nicht unbedingt bahnbrechend in seinen Erkenntnissen (Facebook = schlecht), dafür umso gründlicher in der Zusammenführung der Variablen und der Kontextualisierung von Zahlen, Begriffen und Positionen. The Social Reckoning erweist sich als eloquent vorgetragene Analyse – manchmal verspielt, meistens jedoch sehr ernst und konzentriert bei der Sache, damit keine Nuance des Themenkomplexes verloren geht.
Sorkins Drehbuch besitzt ein sehr gutes Gespür dafür, wann sich ein Nebenschauplatz zur Veranschaulichung der Konflikte eröffnen lässt, ohne sich in einem Labyrinth aus Erklärungen zu verlieren. Die Figuren sind entsprechend gebaut: Immer wieder drängen sie zurück zur Recherche, zurück zur Veröffentlichung. Sie appellieren förmlich an den Film, bloß nicht als zähes, haltungsloses Stück Prestigekino zu enden.
The Social Reckoning fehlt die Fincher-Komponente
Die Dringlichkeit des Gezeigten steht außer Frage. Sorkin weiß, wie er die Geschichte fesselnd mit seinem Ensemble auf den Punkt bringt. The Social Network war aber nie nur Spiel und Text, sondern vor allem eines: Bewegung. Pure filmische Anziehungskraft. Ein Rausch aus Bildern und Musik mit einer verführerischen Qualität, in deren Nähe The Social Reckoning nicht einmal für den Bruchteil einer Sekunde kommt.
Kameramann Jeff Cronenweth ist zwar wieder an Bord. Ohne Regisseur David Fincher fehlt jedoch die wichtigste Instanz hinter den Kulissen, ganz zu schweigen von Trent Reznor und Atticus Ross. Deren Soundtrack verwandelte The Social Network erst recht in einen hypnotisierenden Strudel, dem man sich unmöglich entziehen konnte – als wäre man genauso wie Mark Zuckerberg im Tunnel gefangen gewesen.
Sorkin umschifft diesen Tunnel großräumig. Sein Zuckerberg ist eine unheimliche Präsenz, die meist aus der Distanz betrachtet und befremdlicher als ein Außerirdischer in Szene gesetzt wird. Ein Verhör mit Klatuu in Der Tag, an dem die Erde stillstand birgt mehr Menschlichkeit in sich. Dieser Zuckerberg könnte auch der Bösewicht aus einem Slasher sein, der seinen Opfern statt Gliedmaßen das Wort abschneidet.
Theoretisch nähert sich Sorkin dadurch wieder Fincher an, der von Sieben über Zodiac bis Mindhunter alle Serienkiller einmal durchgespielt hat. Inszenatorisch wagt sich Sorkin allerdings nie in Finchers vibrierende, ambivalente Zwischenräume. Stattdessen beginnt er direkt mit seinen Thesen. Vielleicht auch, weil alles andere für ihn 16 Jahre nach The Social Network verantwortungslos wirkt. Er will warnen und aufklären.
Starker Journalismus-Thriller, aber kein Meisterwerk
Eine Inszenierung, die auf Nummer sicher geht, um im Angesicht der Flutwelle aus Likes, Reshares und Kommentaren den Durchblick zu wahren – das wäre die wohlwollende Interpretation für Sorkins Herangehensweise. Gleichzeitig hat sich bei seinen vorherigen Regiearbeiten eine eindeutige Tendenz abgezeichnet: Er vertraut Bildern weniger als Worten. Wenn er diese Worte aber erst einmal entfesselt, ist er kaum aufzuhalten.
Gerade in Verbindung mit den bewährten Mechaniken des Journalismusfilms kann Sorkin seine Muskeln spielen lassen und einzelne Argumente minutenlang balancieren, sodass man sich kaum traut, Luft zu holen. Erst das etwas zu schwülstig von Alexandre Desplat untermalte Finale katapultiert The Social Reckoning zurück in ein naives Hollywood-Kino der 90er Jahre, in dem der Film wie ein Fremdkörper wirkt.
Von einer zynischen, selbstgerechten Abrechnung, wie sie der Titel erahnen lässt, ist The Social Reckoning aber auch weit entfernt. Sorkin kommt treffsicher zu folgendem Schluss: Der Journalismus will es Big Tech nicht heimzahlen, weil seine Jobs gefährdet sind. Der Journalismus ist enttäuscht, weil Big Tech die Jobs so unfassbar schlecht macht und nicht einmal überprüft, was da mit Tinte ins Internet geschrieben wird.
The Social Reckoning startet am 8. Oktober 2026 in den deutschen Kinos.
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