Im Hier und Jetzt: Musa Dagh im Hafenklang, Hamburg

Sieben Shows in fünf Jahren, so die gesamte Live-Bilanz von Musa Dagh nach den ersten zwei Alben. Das ist schade, denn in dieser deutschen Underground-Noiserock-Supergroup kommt endlich zusammen, was für Gitarrist Aren Emirze und den bisherigen Sänger Aydo Abay über drei Jahrzehnte immer nur eine Absichtserklärung war: endlich etwas gemeinsam auf die Beine zu stellen. Die ersten beiden Alben mit Abay stoßen auf entsprechend viel Beachtung, die Dualität aus Emirzes krassen Gitarrenlicks und Abays melancholischem, in Momenten fragilem Gesang zündet. Nur hat Abay keine große Lust darauf, Konzerte zu spielen, einer richtigen Tour verweigert er sich rigoros.
Vor “Endurance”, dem kürzlich veröffentlichten dritten Album, häutet sich die Band bis auf Emirze daher komplett. Der kommt nun erstmals in den Genuss einer richtigen Tournee. Vom ersten Takt an wird allen Beteiligten, ob Akteur oder Zuschauer, klar, wie überfällig das ist und wie sehr dieser gleichsam gebrochene, anspruchsvolle, aber auch harmonische Sound auf eine Bühne gehört. An Emirzes Seite: die beiden Neuzugänge Martin “Dog” Kessler am Schlagzeug und Sängerin und Bassistin Safi.
Auf der Bühne wird sofort klar, dass es keine falsche Zurückhaltung gibt, es wird konstant die volle, brachial drückende Breitseite geboten. Die beiden Vorgänger von Dog Kessler, Beatsteaks-Schlagzeuger Thomas Götz und Sascha Madsen, sind wahrlich keine Anfänger am Instrument; doch was Kessler hier an ebenso vertracktem wie tightem Gewitter abfackelt, sucht – zumindest hierzulande – seinesgleichen. Daneben rifft sich Emirze förmlich um den Verstand, zieht seine markanten Grimassen, sucht ständig direkten Augenkontakt mit dem – für diese Art von Musik generell und für Hamburg im Besonderen – erstaunlich tanzfreudigen Publikum. Während Safi, zwischen den beiden Hünen zierlich und schmal, mit ihrer Präsenz sowie dem an ihr fürchterlich groß wirkenden Bass die Bühne voll ausfüllt. Wie schon auf dem Album kostet sie alle Nuancen aus, die ihre Stimme hergibt, von Flüstern bis Kreischen und von zart bis hart, während sich ihr Bass in den Unterleib fräst.
Alle drei tragen Schwarz, Safi dazu kunstvoll verlaufene Kajal-Schattierungen, und auch darin veräußert sich, was Musa Dagh in dieser Konstellation auszeichnet: Es ist die Begeisterung für pure existenzialistische Intensität. Davon berichtet auch Emirze in einer seiner wenigen, aber dafür stets recht langen Ansagen; er spricht davon, wie viel Freude es ihm bereite, Musik zu machen, wenn alle Beteiligten ihr Ego komplett aus der Musik heraushalten – den kleinen Seitenhieb gegen Abay erkennen wohl nicht nur Eingeweihte. Abay vermisst man nicht mal dann, wenn Musa Dagh einen der älteren Songs spielen, die ja eigentlich gerade von seinem Gesang leben. Dafür ist Safi zu präsent. Im Interview hatte sie erklärt, dass sie dabei sei, ihren eigenen Zugang zu Abays schönen Melodien zu finden. Jetzt erschließt sich, was sie meint: nicht nachsingen, nur nachfühlen. Sie interpretiert die älteren Songs auf ihre ganz eigene Weise und Tonalität, macht die Vorlagen zu ihrer eigenen Version und lässt die Annahme verblassen, Abay sei als Frontmann kaum zu ersetzen.
Trotzdem dankt Emirze den vorherigen Besetzungen, lässt je einen Extra-Applaus anheben für Götz, Madsen und Abay, bevor er betont, dass er mit dieser Band im Hier und Jetzt sei – und dass es für ihn kaum schönere Formen des Musikmachens gebe als die, was er hier gerade erleben darf. Man glaubt ihm und spürt es an der überschwänglichen Begeisterung des Publikums.
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