Ich dachte, The Batman wäre düster: Robert Pattinsons neuer Psycho-Trip Primetime hat mich noch viel mehr verstört

Vermutlich scheint die Sonne in der Welt von Primetime, aber selbst wenn Chris Hansen ein Hotel im Sunshine State Florida betritt, legt sich die dunkelste Nacht über den Pool. Hansen ist ein Rächer für das Gute, nicht ganz The Batman, aber vielleicht im Geiste. Er trägt einen Anzug, und in den Händen hält er Chatprotokolle. Seine Geschichte hat mich weit mehr verstört, als es jedes noch so düstere DC-Abenteuer könnte.
Robert Pattinson ist die perfekte Besetzung für die bizarre TV-Gestalt, die, wenn sie nicht existieren würde, von einem Drehbuchautor erst erfunden werden müsste. Pattinson, eben noch der feige Bösewicht in Christopher Nolans Die Odyssee, springt ein paar tausend Jahre in der Zeitrechnung nach vorn. Er landet im Jahr 2004. Soeben haben über 52 Millionen Menschen das Finale der ziemlich sonnigen Sitcom Friends geschaut. Bald erwartet sie im Sendeplan von NBC jedoch eine dunkle Überraschung.
Primetime ist kein Biopic, sondern eine herbe Mediensatire
Ich kannte To Catch a Predator vorher nur aus den Parodien der Show und habe mir vor der Weltpremiere von Primetime beim Filmfestival von Venedig mehrere Folgen angeschaut. Die Verquickung von Aufklärung über die Gefahren des Internets, realer Verbrecherjagd und Reality-Show-Thrills wurde im Durchschnitt von 7 Millionen Menschen verfolgt. Nicht ganz Friends-Zahlen, aber zeitweise ein Phänomen.
Das Konzept: In Chats wurden Männer kontaktiert, die Minderjährigen unangebrachte Nachrichten geschickt hatten. Diese Männer wurden dann zu einem mit Kameras ausstaffierten Haus gelockt. Dort wartete ein sogenannter Decoy – ein erwachsener Darsteller eines Kindes – auf sie. Nach einer anfänglichen Begrüßung erschien Hansen auf der Bühne.
Da steht in der letzten Folge der Show aus dem Jahr 2007 also ein NBC-Moderator in einem Wohnzimmer in Kentucky. Ihm gegenüber sitzt ein Mann in einem unanständig großen Ledersessel, und dieser Mann ist hier, weil er Sex mit einem 12-jährigen Mädchen haben will. Sobald Hansen mit seinen Kurzverhören durch ist, verlassen die "Predators" das Haus, wo die örtliche Polizei sie in Empfang nimmt. Oder sie werden vor laufenden Kameras getasert.
Primetime beginnt mit einer dieser Episoden. Pattinson ahmt den selbstgefälligen Ton und die wichtigtuerische Kadenz von Hansens Stimme beeindruckend genau nach. Man muss aber weder Chris Hansen noch To Catch a Predator kennen, um dem Reiz von Primetime zu verfallen. Primetime ist kein Biopic, sondern eine Kreuzung aus Nightcrawler und Network, eine herbe Satire über die Sucht nach Entertainment und die Menschen, die uns den Stoff besorgen.
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Die Machart von Primetime ist ein Pluspunkt, aber auch ein Nachteil des Psycho-Trips
Schon der Look verleiht Primetime eine unwirkliche Atmosphäre. Dafür wurden Digitalaufnahmen auf 16-mm-Film gescannt und dann wieder digitalisiert. Deshalb präsentiert sich der Film weniger als eine getreue Rekreation der 2000er. Primetime eröffnet vielmehr den Blick durch einen Röhrenbildschirm in eine fremde, angsteinflößende Welt, als die mediale Monokultur zur besten Sendezeit bei NBC ihre letzten Atemzüge tat.
Der erste fiktionale Film des Dokumentarfilmers Lance Oppenheim (Some Kind of Heaven) betört und verstört mit einer schummerigen, abgeranzten Thriller-Atmosphäre. Als hätte man in irgendeinem vergessenen Keller ein VHS-Tape gefunden, auf dem ein verbotener Blick hinter die Kulissen einer TV-Produktion festgehalten wurde. Oppenheim verfolgt diesen Modus der Überstilisierung konsequent. Das garantiert eine dichte Stimmung. Es bedeutet aber auch, dass vom Anfang bis zur unvermeidlichen Eskalation kaum Nuancen in dem Psycho-Trip auszumachen sind.
Pattinson ist brillant, aber Skyler Gisondo fast noch beeindruckender
Hansen zur Seite steht die tatkräftige Produzentin Andie Bender (Merritt Wever). Er will Gutes tun oder wollte es vielleicht mal. Sie will Quoten. Gemeinsam bilden Chris und Andie ein perfektes Team für einen Erfolg, der im Desaster enden wird. Pattinson porträtiert Hansen als Schauspieler, der die Rolle eines ehrenhaften TV-Reporters spielt. Sobald hinter die Fassade geblickt wird – auf Hansens eisiges Familienleben –, verliert Primetime an Intensität. Dann verfängt sich das Drehbuch von Ajon Singh in Erklärungsversuchen, obwohl der Film doch von abgründigen Stimmungen, Situationen und einer Prise schwarzem Humor lebt.
Intensiv und verstörend ist Primetime, wenn er sich auf die zwei Gesichter der Predator-Jagd konzentriert. Pattinson in seiner Rolle als Hansen in seiner Rolle als TV-Rächer – das ist das eine Gesicht. Das andere gehört Skyler Gisondo. Er stiehlt Pattinson fast ein bisschen die Show. Wahrscheinlich, weil sein Decoy namens Dan noch keine dieser verdorbenen Fernsehgestalten ist, die durch die Kulissen von Primetime geistern.
Durch Gisondos großen Augen betreten wir die Predator-Maschinerie. Dan ist ein arbeitsloser Schauspieler, der endlich einen lukrativen Gig landet. Alles, was er tun muss, ist ein potenzielles Opfer zu spielen und vielleicht eines zu werden.
Ich habe Primetime beim diesjährigen Filmfestival in Venedig gesehen, wo der Film im Wettbewerb um den Goldenen Löwen läuft. Der deutsche Kinostart ist am 24. September.



