Erschütternd, hochspannend und aktueller denn je: Babylon Berlin Staffel 5 ist Pflichtprogramm

Es ist beinahe schon bittere Ironie, dass die Reise von Babylon Berlin nur vier Tage nach dem historischen Wahlsieg der AfD in Sachsen-Anhalt zu Ende geht. 43,8 Prozent hat die vom Verfassungsschutz als gesichert rechtsextrem eingestufte Partei am vergangenen Sonntag bei der Landtagswahl geholt, wie die Tagesschau berichtet. Es ist das erste Mal seit 1932, dass in Deutschland eine rechtsextreme Partei bei einer demokratischen Wahl die Mehrheit erlangt hat. Seit der verhängnisvollen Wahl, die der 5. Staffel von Babylon Berlin zugrunde liegt.
Das Babylon Berlin-Finale steht nun seit dem 10. September mit acht abschließenden Folgen wie ein Stück Zeitgeschichte in der ARD Mediathek und gleichzeitig wie eine Warnung. Allein deswegen ist Staffel 5 der deutschen Ausnahmeserie absolutes Pflichtprogramm. Neben seiner erschütternden Aktualität hat das Finale aber noch mehr zu bieten.
Babylon Berlin Staffel 5: Von Hitlers Ernennung zum Reichskanzler bis zum Reichstagsbrand 1933
Die 5. Staffel setzt etwa zwei Jahre nach den vorherigen Geschehnissen an, in denen der gesellschaftliche Umbruch im Berlin der frühen 1930er Jahre bereits mehr als spürbar war. Kommissar Gereon Rath (Volker Bruch) nahm eine Undercoverrolle in den Reihen der SA ein, während die jüdische Bevölkerung, Obdachlose, queere Menschen und weitere Minderheiten immer mehr um ihre Sicherheit im Land bangen mussten. Am 30. Januar 1933, dem Story-Beginn der Finalstaffel, scheint der Kampf verloren, als Adolf Hitler (Clemens Schick) offiziell zum Reichskanzler ernannt wird.
Zunächst schleichend, dann knüppelhart und plötzlich müssen die Figuren mit dem Einzug des Nationalsozialismus in ihren Alltag umgehen: Von Nachtclubs, vor denen fortan die Pässe von Gräf (Christian Friedel) und seinem Partner Jacoby (Peter Jordan) in den Dreck geworfen werden, über die großen Verlagshäuser, in denen sich der Abbau der Pressefreiheit auch bei den Journalist:innen um Kattelbach (Karl Markovics) breitmacht, bis zum Polizeipräsidium in der Roten Burg, in dem nicht nur Charlotte (Liv Lisa Fries) und Böhm (Godehard Giese) der neuen politischen Abteilung Rede und Antwort stehen müssen. Doch die Menschen im Berliner Babylon geben nicht auf.
Seht hier den Trailer zu Babylon Berlin Staffel 5:
Hinter den Kulissen werden alle Kräfte mobilisiert, um eine Regierung der Nazis und Hitlers vielleicht doch noch zu verhindern. So kämpft unter anderem ein gewisser Dr. Forster (Ulrich Noethen) darum, bestimmte Details aus Hitlers Vergangenheit ans Licht zu bringen, während in der Opposition akribische Hochrechnungen bis Anschläge geplant werden, die nicht alle vorsehen, dass sich die restlichen Parteien friedlich an einem Tisch zusammensetzen.
Demgegenüber stehen die Sympathisanten und Unterstützer des NS-Regimes, allen voran der Industrielle Alfred Nyssen (Lars Eidinger) und Regierungsrat Wendt (Benno Fürmann), die nebenbei ihre ganz eigenen Ziele verfolgen. Und mittendrin ist Gereon Rath, der einmal mehr einen geheimen Auftrag für seinen Bruder Anno (Jens Harzer) ausführt, in dessen Schuld er nach seinem Kriegstrauma immer noch zu stehen glaubt. Schließlich laufen alle Fäden bis zum Reichstagsbrand in der Nacht vom 27. auf den 28. Februar 1933 zusammen, der die Geschichte für immer verändern soll.
Babylon Berlin Staffel 5 besiegelt das Ende einer Ära – als Warnung für die Gegenwart
Babylon Berlin ist 2017 als teuerste und aufwendigste Serie gestartet, die Deutschland bis dahin hervorgebracht hat. Mit großen Namen wie Tom Tykwer, Achim von Borries und Henk Handloegten im Rücken und einem Starcast aus der deutschsprachigen Schauspielriege hat sich die Serie auch über die eigenen Landesgrenzen hinaus zum Phänomen entwickelt. Die eindringliche Ästhetik, die sich irgendwo zwischen Film noir und den expressionistischen Werken der Weimarer Republik ansiedelt, und die dichte Erzählung, die in den freigeistigen 20er-Jahren begann und schließlich immer mehr dessen Fall ergründet hat, haben Babylon Berlin in der deutschen Serienlandschaft über die letzten neun Jahre einzigartig gemacht.
Dass die Serie mit der Machtergreifung der Nazis enden soll, war von Anfang an der Plan, wie das Regie- und Autoren-Trio Tykwer, von Borries und Handloegten in Interviews immer wieder verlauten ließ. Doch auch wenn das Ende klar war, haben die Drei bis zum Schluss einen Weg gefunden, eine mitreißende Story vor dem historischen Hintergrund realer Ereignisse zu erzählen. Vor detailliert ausgefeilten Kulissen wie etwa dem berühmten Presseball in den Zoo-Sälen, dem ikonischen Moka Efti oder der ausgelassenen Mikado Bar, wusste die Serie auch mit bekannten bis weniger bekannten historischen Fakten sowie zahlreichen künstlerischen Freiheiten gleichzeitig über die Staffeln hinweg zum Mitfiebern und Rekonstruieren anzuregen.
Hitler ist in Staffel 5 nun allgegenwärtig, erhält zum Glück jedoch bildlich kaum Raum und kommt nur in wenigen Szenen vor, in denen wir ihn auch nur von Weitem sehen. Stattdessen steht das Mysterium um seine Vergangenheit im Lazarett Pasewalk im Vordergrund, das den wahrscheinlich spannendsten Fall der gesamten Serie bildet und wohl viele Menschen zur Recherche anregen wird, um erstaunt festzustellen, dass einiges davon sogar auf Tatsachen beruht. Alle Handlungsstränge der Hauptfiguren in diesem Kriminalfall zusammenzuführen, erweist sich als echter Glücksgriff für das Finale, während der Kampf der Einzelnen immer wieder bittere Parallelen zur Gegenwart aufflammen lässt.
Wenn Kattelbach, Litten (Trystan Pütter) und Heymann (Martin Wuttke) etwa im Kaffeehaus zusammensitzen und die Stücke einer Sachertorte so aufteilen, dass daraus Mehrheiten aus Reichstagsparteisitzen gebildet werden können, hat man mitunter nicht das Gefühl, dass man sich gerade nur im Jahr 1933 befindet. Ebenso wenig, wenn Abgeordnete der SPD und KPD durch einen durchdachten Coup ins Hinterzimmer einer Wohnung gelockt werden, um über die Zukunft des Landes zu verhandeln. Babylon Berlin bringt die schwer greifbaren politischen Entscheidungen hier gekonnt in die privaten Räume, wo sie für das Publikum mit so viel situativem Witz wie tiefgreifender Emotionalität nachvollziehbar und nahbar gestaltet werden.
Die zwischenmenschlichen Töne sind dabei so süß wie bitter, wenn etwa Charlotte und Gräf gemeinsam auf der Bühne stehen und singen, dass sie doch einfach nur anders als die anderen sind, und die Zustände vor der Tür für einen Moment vergessen. Oder wenn Behnke (Fritzi Haberlandt) und Kattelbach im Bett eine Zukunft in Sansibar planen, die so nie eintreffen kann. Ein gebührender Abschluss, ein ausführlicher Abschied, wird nicht allen Figuren in diesem Finale vergönnt, so wie viele Menschen damals tatsächlich ohne große Erklärung und Umschweife auseinandergerissen wurden.
Das Mysterium um Anno bzw. Dr. Schmidt wird hingegen endlich plausibel gelüftet und schlägt einen klug durchdachten Bogen zum Beginn der Serie, der auch Gereons Figurenentwicklung zu einem interessanten Abschluss bringt, zu dem sich unter Fans aber wahrscheinlich die Geister scheiden werden. Doch wenn alle Fäden am Ende in der größtmöglichen Katastrophe zusammenlaufen, appelliert das Babylon Berlin-Finale letztlich an den Zusammenhalt und die Zuwendung zueinander, durch die das Schlimmste damals vielleicht hätte verhindert werden können. Es bleibt nur zu hoffen, dass wir heute zuhören.
Alle acht Folgen der 5. Staffel von Babylon Berlin stehen seit dem 10. September 2026 in der ARD Mediathek als kostenloser Stream zur Verfügung. Grundlage für diesen Serien-Check waren alle acht Folgen.


