Ätherischer Lärm: Deafheaven und Show Me The Body in Münster

Sakral ertönt statt einer Playlist sphärischer Ambient in der 45-minütigen Umbaupause. Hilfreich, um das gerade Gesehene zu verarbeiten und sich auf das Kommende einzustellen. Wie von der Leine gelassen wüteten Show Me The Body soeben über die Bühne der ausverkauften Sputnikhalle – mit einem Genre-Mix, der Fragezeichen hinterlässt. Was war das jetzt alles? Hardcore, Punkrock, Rap, Post-Punk, Noise, Metal? Die New Yorker Band um Frontköter Julian Pratt tobt und bellt und brüllt und spuckt, ständig sind irgendwelche Gliedmaßen in der Luft. Am Ende zieht er sein Shirt aus und entblößt die Twin Towers, die er sich auf den unteren Bauch hat tätowieren lassen, dann bedankt er sich bei Deftones, äh, Deafheaven für den Abend. Kleiner Versprecher, kann passieren, sie touren schließlich gerade abwechselnd mit beiden Bands.
45 Minuten nach Show Me The Body verhallt der Ambient und ein Gewitter bricht herein. Oder eher ein “Doberman”. “All decline I seeded from my fright/ Each dim year giving less to the light/ Suddenly present now/ All hail now the panopticon”, kreischt Frontmann George Clarke. Nicht, dass man das wirklich so aus seinem Mund verstehen würde, aber so steht es geschrieben. Das ist hier heute Abend nichts zum Mitsingen, sondern zum Fühlen. Ab Sekunde eins ballern sich Deafheaven durch Mark und Bein, hüllen den Münsteraner Club in einen ätherischen Lärm, der nach wie vor Münder offenstehen lässt.
Die Blackgazer sind derzeit auf Festival-Tour in Europa und füllen die übrigen Tage mit Club-Shows wie dieser. Ihr aktuelles Album “Lonely People With Power” ist seit einem Jahr draußen. Diesem geben sich Deafheaven bedingungslos hin: Ein immenser Teil des Sets besteht aus Stücken der neuen Platte. Mit “Brought To The Water” gibt es einen Wink in Richtung “New Bermuda”, mit “Dream House” und “Sunbather” immerhin die beiden wichtigsten Songs jenes Albums, das Deafheaven vor 13 Jahren ins große Bewusstsein gespült hat. “Sunbather” bringt schließlich die Gewalt von Black Metal und das traumwandlerisch Schöne von Shoegaze selbstbewusst zusammen. Blastbeats, Breakdowns, Gekeife und Gegrowle gehen immer wieder in wundervollen Gitarrenriffs und melancholischen Melodien auf. Selten laufen Wucht, Schmerz und Schönheit so ineinander wie bei dieser Band. “Das sind so richtige Künstler”, sagt während der “Incidental”-Interludes ein Konzertbesucher zu seiner Begleitung spöttisch. “Ohne Scheiß: so richtige Künstler.” Wahrscheinlich sind Deafheaven das. Ganz ohne Spott.
Künstler, die eine unglaubliche Energie freisetzen. Clarke, die Gitarristen Kerry McCoy und Ian Waters und Bassist Chris Johnson toben nur so über die kleine Bühne. Fast wirkt es choreographiert, wie ständig jemand von links nach rechts wechselt oder vorn auf einen Riser steigt – wahrscheinlich passen sie aber einfach nur auf, nicht ineinander zu rennen. Schlagzeuger Daniel Tracy tut sein Übriges, diesen mitreißenden Krach nach vorn zu schieben, und wenn dieser dann mit gefühlt endlosen Stroboskopblitzen untermalt wird, wünscht man sich kurz eine Sonnenfinsternisbrille aus der vergangenen Woche, aber das muss alles ganz genau so sein. Wenn sie das nächste Mal wiederkehren, täten sie das mit neuer Musik, verspricht Clarke in einer seiner wenigen Ansagen gegen Ende. Dann sind knappe anderthalb Stunden vergangen – wie im Flug.
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